|
Christa Langheiter,
Die Presse, 23.10. 2001
Lese- und Schreibschwäche, auch Legasthenie genannt, kann Kindern und Eltern die Schule zur Hölle machen. Die Kinder sind weder unintelligent noch faul noch unwillig. Sie sind nur zu logisch!
"Kinder lernen, dass man Kartoffel schreibt, obwohl man das r in der Mitte oft nicht hört. In der Folge finden sie es nur logisch, dass man auch Sarlat statt Salat schreibt, schließlich hört man auch hier kein r", erklärt Hauptschullehrerin Christine Österreicher die spezielle Logik von Kindern.
Herauszufinden, welche dieser Strategien Kinder anwenden, die zu Fehlern wie dem Verwechseln von Buchstaben oder Silben führen, ist erklärtes Ziel der engagierten Pädagogin. Denn Legasthenie ist ihrer Erkenntnis nach eine reine Symptombeschreibung, hinter der alle möglichen Schwierigkeiten und Schwächen liegen können.
Falsche Lernstrategien aufspüren.
Mangelhafte Informationsverarbeitungs-Strategien sind eine mögliche Schwäche legasthenischer Kinder. Das von Österreicher eingesetzte
ReLeMaKo®, (Rechtschreib-, Lese-, Mathematik- und Konzentrationstraining) - System beachtet daher den gesamten Lernprozess eines Kindes, alle Schritte, die das Kind beim Lernen setzt und den Zustand, in dem es sich beim Lernen befindet.
Eine differenzierte Testung von zwei Stunden ist oberstes Gebot. Anschließend sollten fünf Stunden Training mit Übungen und Spielen, abgestimmt auf die individuelle Arbeitsweise des Kindes, genügen, um die gröbsten Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen zu beseitigen.
Den Zustand des Körpers managen.
"Wer versucht, mit hochgezogenen Schultern die Zahl 57 von 1043 abzuziehen und dann eine ähnliche Aufgabe mit lockeren Schultern versucht, wird merken, dass zwischen der Bewältigung der beiden Aufgabenstellungen ein enormer Unterschied liegt", erklärt Österreicher die Wichtigkeit des körperlichen Zustands beim Lernen. Die Kinder müssen daher lernen, sich selbst in einen guten körperlichen Zustand zu holen, damit Konzentration und Wahrnehmung besser funktionieren.
Zum Zustandsmanagement gehört auch, dass die Lernenden Erfolge spüren. Die Verankerung - eine Technik aus dem NLP - zielt darauf ab, sich geistig ein Auf-die Schultern-Klopfen oder Daumen-Hoch vorzustellen - eine kinästhetische bzw. visuelle Koppelung mit Erfolg, die automatisch ein gutes Gefühl vermittelt. "Denn nur wenn ich weiß, ich kann etwas, trau ich mir den nächsten Lernschritt zu", betont Österreicher die Wichtigkeit des Spürens von Erfolg.
Gegensätzliches Lernen.
"Beim Lernen laufen bei jedem individuelle Meta-Programme ab, die weder falsch noch richtig sind, sondern nur für den Moment, die Aufgabenstellung, günstig oder ungünstig", so Österreicher.
ReLeMaKo®-Trainer müssen daher rausfinden, welchem Gegensatzpaar das Kind zuzurechnen ist. Diese Metaprogramme spiegeln sich übrigens in verschiedenen Berufsgruppen wieder, sind also mitverantwortlich für die Berufswahl.
Wendet das Kind einen Detailfilter oder einen Überblicksfilter an? Auf die Frage, was befindet sich in diesem Raum, wird das Kind mit dem Überblicksfilter kurz und bündig 4 Sessel, 1 Tisch und 1 Vase als Antwort nennen. Hier spricht der zukünftige Manager. Das Detail-Kind beschreibt die Farbe der Vase, den Duft der Blume und die Zahl der abgefallenen Blütenblätter. Dieses Kind könnte ein guter Buchhalter werden.
Proaktive und reaktive Kinder unterscheiden sich in ihrem Antrieb. Proaktive machen sich mitten in der Aufgabenstellung an die Lösung. Aufgrund ihrer Initiative wären sie gut als Selbständige geeignet. Reaktive reagieren auf Aufforderungen. Eine ideale Voraussetzung für den Kundendienst.
Erwachsenes Lernen.
Wurden Teilleistungsschwächen nicht im Kindesalter bearbeitet, werden sie auch beim Erwachsenen sichtbar. "Wer Probleme mit der Raumorientierung hat, tanzt in die falsche Richtung los. Wer eine Serialitätsschwäche hat, kann sich die Schrittabfolge nicht merken. Und die Intermodalitätsschwäche zeigt sich, wenn die Schrittabfolge nicht mit der Musik verbunden werden kann," bringt Österreicher ein anschauliches Beispiel aus der Tanzschule.
Sind diese Erwachsenen auch jene, deren Kinder eine Lese-Rechtschreibschwäche aufweisen? Ist Legasthenie gar vererbbar? "Lernschwächen sind nicht genetisch übertragbar, sie können aber antrainiert sein. Viele alte Kinderspiele sind gut für das Training der Wahrnehmung geeignet. Eltern mit einer Teilleistungsschwäche vermeiden meist bestimmte Spiele. Die Kinder haben dann genau dort auch ein Defizit", erklärt Österreicher.
Dass auch Erwachsene ihre Teilleistungsschwächen wegtrainieren, dafür sprechen nicht nur weniger Beulen in der Tanzschule. Mit einem gezielten Training lassen sich große
Stofffüllen an der Uni oder betriebliche Aus- oder Umschulungen leichter bewältigen.
Und die Kinder hätten wahrscheinlich ihre Freude, wenn sie auch einmal den Papa bei Konzentrationsübungen und die Mama bei Merktechniken beobachten könnten, während sie selbst schon längst Mikadospielen und Tempelhüfen verordnet bekamen.
|